
Wir vorne aus dem front office machen ja eigentlich sowieso am meisten mit. Wir sehen das Grauen kommen und heben hinterher die Scherben auf. Wir sind die Schaltzentrale, aber es weiß ja keiner. Letztes Wochenende war es wieder wild mit all den Bonzos und Mausis, den Doreens mit zu großen Taschen, den Silvios und Nataschas mit verbummelten Garderobenmarken. Da haben wir denen jetzt sogar schon extra Bändchen da ran gebastelt – da verbummeln die die Dinger immer noch. Tja, manchen gibt’s der Herr im Schlaf. Oder auch nicht. Außerdem glauben die Leute uns ja nie, dass die Garderobe voll ist. So war es auch wieder am Freitag. Interference, die Bude bumsvoll, draußen stapelten sich die Kinder auf dem Bürgersteig.
Dabei ist „voll“ ja eigentlich so ein absoluter Begriff. Sagt man den people in front of the front office desk „Garderobe ist voll“, stecken sie ihre Köpfe hinein, erblicken den Boden und rufen empört aus „Da ist doch noch Platz!“. Hallo? Voll gibt es nur einmal! Verlangt ihr wirklich, dass wir Eure Sachen auf den dreckigen Boden schmeißen? Gibt es bei uns nicht. Vertraut uns. Wir wollen Euch nur vor Euch selbst schützen.
Apropos schützen. Wir sind nicht gegen alles geimpft. Das sage ich immer, wenn ich in fremder Leute Taschen reinpacken soll. Das ist sowieso ein No-Go und ein Unding. Wieso werden wir das immer wieder gefragt? Ich mein, wir packen doch nicht in die Taschen fremder Leute. Die wissen ja manchmal selber nicht was sie ihn ihren Taschen haben. Da kann ja weiß Gott was drin sein. Spitze Gegenstände. Vollgerotzte Taschentücher. Modelleisenbahnbausets. Weiß der Pfirsich was. Daher sage ich
dann immer: „Wir sind nicht gegen alles geimpft“. Basta. Freundlich reiche ich dann die Taschen über den Tresen und lasse die Menschen sich selber an Gegenständen in ihren Taschen verletzen.

Taschen. Taschen sind das
Stichwort. Natürlich hat man an der Garderobe immer mit Taschen zu tun. Was auch sonst. Aber manchmal frage ich mich wirklich ob die noch alle ganz richtig ticken im Kopf. Die kommen ja manchmal mit Gepäck an, da fragt man sich: „Sind die auf der Flucht? Haben wir Krieg?“. Ambulante
Hebammen mit Notniederkunftsbesteck. Und am Ende muss ich das dann auch noch selbst machen. „Hej, hallo, wir haben hier gerade ne Notniederkunft“. Das tonnenschwere Notniederkunftsbesteck liegt unbenutzt bei uns in der Garderobe rum und wir müssen wieder rennen. Leben retten und so weiter. Haben wir ja hier schon alles gehabt.
Was wir hier sowieso immer und regelmäßig haben, ist die Verwechslung von Hagen und meiner Person. Dabei hat Hagen soviel Bart wie ich nie haben werde, und ich habe soviel Haare auf dem Kopf wie Hagen schon lange nicht mehr hat. Da kriegt man die Tür nicht zu – andauernd merken die Leute nicht, dass er nicht ich ist und ich nicht er. Geben sie dem einen die Garderobenmarke und der andere kommt mit einer anderen Jacke, die zu einer anderen Marke gehört, zurück, kassiert man gleich den dummen Spruch „Das ist aber nicht meine Jacke!“. „Schätzchen“, pflege ich dann zu flöten,
„Meine Zwillingsschwester ist gerade damit unterwegs. Keine Panik“. „Hä?“, ist stets die Standardantwort. Taucht mein Gegenpart dann aus den Untiefen der Garderobe mit dem richtigen Kleidungsstück auf, heißt es gleich: „Das habe ich aber gar nicht gesehen!“. Ja, meine Güte, wo schauen die Leute eigentlich hin? Wir empfehlen da nur mal: Blick heben.

Am Ende bleibt wieder nur die Geschichte von Bonzo und Mausi. Bonzo fragte: „Kann meine Freundin mit auf den Bügel?“ und ich frage „Was soll die denn da?“. Ich drehe mich zu Mausi und teile ihr mein Entsetzen mit: „Du bist dem nicht mal einen Euro wert, denk mal drüber nach“. Während ich Mausis Jäckchen auf einen Bügel packe, denke ich mir, was das immer soll. Diese Hobbykavaliere – da wollen die Mausi nen tollen Abend bieten und dann geht das so los. Na prima. In diesem Sinne, nächste Woche Transzendenz für alle.
Wolfgang hält auch dieses Wochenende wieder die Garderobe des Gewölbes am Laufen und freut sich auf seine Gäste.
"Notniederkunftsbesteck". Wow. Was für ein Wort.
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